You are currently viewing Warum jeder Joghurt-Kauf ein Test für deine Werte ist

Warum jeder Joghurt-Kauf ein Test für deine Werte ist

Werte sind wichtig, rufen wir uns zu. Sie stehen für die Dinge, die uns wirklich wichtig sind. Und wer seine Werte lebt, erlebt sein Leben als sinnhaft, sagen Psycholog*innen. Doch wie finde ich heraus, was für mich wirklich wichtig ist? Und wie lebe ich das im Alltag?

Gehörst du auch zu den Radlern oder Autofahrenden, die im Straßenverkehr zu Furien werden? Wir beschimpfen diejenigen, die uns die Vorfahrt nehmen ebenso wie diejenigen, die zu langsam fahren. Sogar wenn wir sehen, dass jemand vor uns eine Radfahrerin bedrängt, kommen wir ins Fluchen.

Warum regt uns das Verkehrsgeschehen eigentlich so auf? Spontan würden die meisten wohl antworten: Na, mir ist Rücksichtnahme wichtig! Und wenn ich sehe, dass jemand rücksichtslos fährt, dann flippe ich eben aus. Wir würden „Rücksicht“ als einen wichtigen Wert in unserem Wertekanon bezeichnen. Logisch, dass es uns anpiekst, wenn dieser Wert verletzte wird.

Alles Idioten, die rücksichtslos fahren?

An diesem Punkt sind wir schon mitten drin im Missverständnis über Werte. Wenn wir darüber sprechen, welche Werte uns wichtig sind, berichten wir häufig über Werte, an die sich unserer Meinung nach ANDERE Menschen halten sollen – damit es uns gut geht.

(In der Tatsache, dass wir uns auf diese Weise in unserem Wohlgefühl stark von anderen Menschen abhängig machen, liegt natürlich schon ein Problem.)

Doch das zweite Problem, liegt darin, dass wir häufig wenig darauf achten, ob wir selbst eigentlich diesen Wert einhalten, den wir so hoch halten.

Ich will ehrlich sein: Vermutlich fahre ich auch manchmal zu zögerlich mit dem Rad um die Ecke, weil ich mich noch mit meinem Sohn unterhalten habe, der neben mir fuhr oder habe schon mal jemandem recht knapp überholt, weil ich es eilig habe.

Was ist dein wichtigster Wert?

Mein höchster Wert – für mich selbst – ist also nicht Rücksicht. Sondern Verbindung oder sozialer Kontakt. Wenn ich mich mit meinem Sohn unterhalte, reduziere ich das Fahrtempo – und laufe damit ganz unabsichtlich Gefahr, dass jemand hinter mir ungeduldig wird. Und wenn ich es eilig habe, dann meist, weil ich zu einer Verabredung nicht zu spät kommen möchte. Dann trete ich in die Pedale, überhole andere knapp und fahre bei Rot über die Ampel. Auch hier mein gelebter Wert: Verbundenheit.

Seit ich mir klar gemacht habe, dass Verbundenheit für mich letztlich über Rücksichtnahme steht, bin ich eine bessere Verkehrsteilnehmerin geworden. Zum einen bin ich gelassener geworden. Denn ich gehe davon aus, dass bei den anderen eben auch ein anderer Wert oben steht – und sie in anderen Situationen vermutlich sehr rücksichtsvolle Menschen und keine Vollidioten, Trottel oder Anfänger sind. Ich fluche weniger. Und: Ich gehe häufiger als früher pünktlich los radle ohne Zeitdruck zu meiner Verabredung oder fahre Schleichwege, wenn ich mit dem Kind radele. Einfach weil ich mir klar gemacht habe, dass ich zur rücksichtslosen Verkehrsteilnehmerin werde, wenn ich es so eilig habe oder mich beim Radeln unterhalte.

Mein Leben ist auf vielen Ebenen besser geworden

Mein Leben ist dadurch auf vielen Ebenen besser geworden. Es fühlt sich klarer an, weil ich dem Wert Verbundenheit, der mir so wichtig ist, mehr Raum gebe und ihn aktiver leben. Es fühlt sich auch weniger stressig an, weil ich mich nicht mehr so über andere Menschen aufrege. Und mein Alltag fühlt sich sinnhafter an, authentischer.  

Verstehen Sie, was ich meine? Es lohnt sich, mit wachem Auge zu schauen, welche Werte mir SELBST wirklich wichtig sind. Und wie ich diese Werte aktiv leben kann.

Dann wird mein Leben reicher und ich rege mich auch weniger über das vermeintliche Fehlverhalten von anderen Menschen auf.

Der Joghurt-Trick zur Werte-Klarheit

Und jetzt sind wir auch schon beim Joghurt-Test. Oftmals sagen mir Menschen in Workshops an diesem Punkt, dass sie eigentlich gar nicht so genau wissen, was ihre wichtigsten Werte sind. Und was ihnen ganz persönlich wirklich wichtig ist.

Der Joghurt-Test bringt hier Klarheit: Denn ich kann mich in jeder Alltagsentscheidung selbst befragen, welcher Wert meine Entscheidung beeinflusst. Wenn ich zum Beispiel im Supermarkt zum Joghurt der Biomarke greife, kann ich mich kurz fragen: Kaufe ich diesen Joghurt Bio weil er besser schmeckt? Oder weil ich der Umwelt etwas Gutes tun möchte? Oder einfach, weil alle in meinem Freundeskreis Bio kaufen? Im ersten Fall kann ich sehen, dass mir der Wert Genuss wichtig ist. Im zweiten Fall wäre es Nachhaltigkeit und im Dritten zeigt sich der Wert Verbundenheit/Dazugehören. Wer dieses Experiment in ein paar Alltagssituationen macht, wird schnell auf seine wichtigsten Werte stoßen. Denn sie zeigen sich eigentlich in all unseren Alltagsentscheidungen.

Ups, Überraschung

Vorsicht bei diesem Experiment: Manchmal ist die Erkenntnis über die Werte, die man tatsächlich im Alltag lebt, erschreckend. Man muss sofort vom hohen Roß runter. Denn es kann gut sein, dass ich bisher immer darüber erzählte, wie umweltbewusst ich bin. Aber sobald der Wert Bequemlichkeit eine Rolle spielt, rutscht der Wert Umweltbewusstsein nach hinten: Ich fahre bei Regen mit dem Auto und fliege nach Frankreich lieber mit dem Flugzeug als den Zug zu nehmen, weil es länger dauert.

Werte-Welten im Beruf

Auch im Job ist es nicht selten, dass wir andere Werte leben, als uns eigentlich wichtig sind. Wir halten beispielsweise den Wert „Kollegialität“ sehr hoch – doch bei der einen Kollegin reden wir ganz schön viel hinter ihrem Rücken über sie. Oder wir scheuen das klärende Gespräch mit der Führungskraft, oder, oder … Manchmal hat sich auch der Job verändert und ein Wert, der uns wichtig ist, kommt nicht mehr vor. Dann fühlen wir uns unzufrieden – und wissen gar nicht wieso. Das passiert zum Beispiel vielen Menschen, die die Dinge gerne sehr gut oder perfekt machen. Abe einem gewissen Zeitdruck können sie diesen Wert nicht mehr ohne weiteres leben, ohne Überstunden zu machen oder sich ständig zu überlasten.

Werte-Reflexion lohnt sich

Ich kann diese kleine Reflexion allerdings auch dazu nutzen, um mein Leben wieder mehr an den Werten auszurichten, die mir wirklich etwas bedeuten. Und damit an dem, was mir wirklich wichtig ist. Wenn ich also Nachhaltigkeit wichtig finde, könnte ich auch im Alltag bewusster nach guten Lösungen suchen, die diesem Wert entsprechen. Auch bei der Urlaubsbuchung oder wenn es ein bisschen unbequem ist. Wenn mir Verbundenheit wichtig ist, kann ich mir eingestehen, dass es nach der langen Coronazeit etwas Anschwung braucht, um berufliche oder auch private Kontakte wieder zu beleben. Wenn Augenhöhe ein wichtiger Wert ist, fällt es mir vielleicht leichter, das offene Gespräch mit der Chefin oder dem Chef zu führen, dass ich schon so lange vor mir herschiebe.

Aus der Psychologie weiß man, dass ein Alltag, der meinen Werten entspricht, große Zufriedenheit, Sinnerleben und innere Ruhe begünstigt. Es lohnt also, seine wichtigsten Werte zu kennen und bewusster zu leben. Das können wir in jeder Alltagssituation üben. Und es ist auch ein großer Hebel, um im Beruf die Weichen wieder auf Zufriedenheit zu stellen. Das stellen wir in meinem Kurs zur beruflichen Entwicklung immer wieder fest. Die Werte-Übung im Workbook zum Kurs fordert alle ziemlich herausIch habe sie dir hier hinterlegtdoch im Rückblick ist sie manchmal die wichtigste Übung überhaupt gewesen.

Teile deine Werte

Ich freue mich über Nachrichten von dir. Und natürlich antworte ich auch, wenn du einfach eine Frage hast. Liebe Grüße. Carola Kleinschmidt, Diplombiologin, Autorin und Trainerin

Carola Kleinschmidt

Carola Kleinschmidt – Diplombiologin, Autorin, Trainerin. Trainings und Workshops, online & offline zu „Aus dem Vollen schöpfen – berufliche Neuorientierung für Erfahrene“ und „Gesünder arbeiten, besser leben."

Schreibe einen Kommentar